Einen Scheiß muss ich…. oder warum wir so oft glauben, dass wir so viel müssen!

oder vom Glauben, alles zu müssen

Als ich diese –  zugegeben sehr offensive Überschrift – bei der neuen Blogparade von federführend media entdeckte, war mein erster Gedanke: Da MUSS ich was dazu schreiben.

Ich merkte sofort, wie sich meine Mundwinkel zu einem breiten Grinsen formten. Und ich spürte ganz deutlich, dass  meine  kleine Revoluzzerin in mir tanzend in die Hände klatschte.

„Den Spaß machen wir mit!“ hörte ich sie sagen und sie quietschte vor Vergnügen 😉  (Vielleicht muss ich an dieser Stelle erklären, dass ich….. nein, ich MUSS gar nichts erklären, ich rede nunmal mit meinen Anteilen! Findest du das seltsam??? Dann hast du das vielleicht noch nie ausprobiert. (Melde dich bei mir, wenn du wissen willst, wie das geht!)

Nun gut, es gibt nicht nur die kleine Revoluzzerin in mir, die eine erstaunliche Ähnlichkeit mit Pippi Langstrumpf hat!  Es gibt auch noch ein paar wohlerzogene und auch einige strenge Anteile in mir! (Eine davon sieht übrigens irgendwie aus wie die äußerst korrekt gekleidete … upps, halt, das will ich jetzt aber wirklich nicht verraten)!

Jedenfalls hatten diese strengen und wohlerzogenen Anteile wirklich sehr lange Macht über mich. Sie formten und feilten an mir herum und standen sozusagen immer „Gewehr bei Fuß“!

Fast hätten sie mich tatsächlich mit ihrem ständigen DU MUSST gezähmt. Tagtäglich redeten (genauer gesagt kreischten sie) bei jeder Gelegenheit entsetzt auf mich ein:

Du musst dies und jenes tun, du musst aufpassen, du musst vorsichtig sein, du musst lieb sein, du musst angepasst sein, du musst das so machen wie die anderen  UND: du darfst auf keinen Fall anders sein. Du musst immer schön unauffällig in der Mitte sein und bitte, sei niemals selbstgefällig!

Ich erinnere mich noch, dass ich mich immer schön anziehen musste, obwohl alle in meiner Klasse Jeans mit ausgefransten Saumkanten hatten.

Ich musste sonntags brav und wohlerzogen spazieren gehen, obwohl sich meine Freundinnen im Kino amüsierten.

Ich musste achtsam immer die „schöne“ Hand geben (was ich nie verstand, denn ich fand beide Hände gleich schön)  und irgendwann – so empfand ich das damals – musste ich immer die Klappe halten.

Zum Glück befreite mich das Leben aus der braven angepassten Kinderzeit. Doch von Freiheit keine Spur. Im Gegenteil, jetzt ging’s erst richtig los!

Eine Vorgabe jagte die andere. Gummihüpfen und Seilspringen war irgendwann out, dafür kamen die wirklich drastischen Trends, denen auch ich folgenden MUSSTE:

„Du musst schlank sein, sonst kriegst du nie einen Mann!“ Also begann ich mich durch gefühlte 200 Diäten zu hungern (auch als ich längst schon einen Mann hatte). Mit dem Ergebnis, dass ich mich auch mit 30 kg weniger immer noch zu fett fühlte.

„Du musst mehr Sport machen, das macht doch jeder!“ Also nahm ich jeden Trend an, der sich mir anbot. Ich besuchte Fitness-Studios, quälte mich durch Jogging- und Walking- und Schwimm-Kurse, erkämpfte mir auf Karate- und Judo-Matten sogar irgendwelche Gürtel, stand morgens als erste auf der Skipiste und erwürgte erbarmungslos das Faultier in mir! Es hat lange gedauert, bis ich ein gesundes Maß und vor allem Freude an Bewegung  für mich gefunden habe.

„Du musst einen richtigen und sicheren Beruf lernen, sonst wird nichts aus dir!“ Also landete ich erst mal ganz sicher auf dem Finanzamt, um nach 2 Jahren unter dem größten Familien-Protest direkt nach der Ausbildung sofort zu kündigen… Und auch wenn ich danach noch für ein paar Jahre lang „sichere“ Jobs hatte, war der Drang nach einer Selbstständigkeit immer da.

Irgendwann „musste“ ich dann heiraten. Nicht weil ich schwanger war, sondern weil sich das so gehörte und das „g’schlamperte Verhältnis“ die Wohnungssuche unnötig komplizierte….

Das mir bestens bekannte „Du musst jetzt aber ins Bett“ (ich höre diese Stimme noch heute, wenn ich  spät abends vor dem PC sitze) konnte ich erst viele Jahre später ignorieren, als ich erkannte, dass ich nachts die besten Ideen habe. Achso, dann war da auch noch dieses

„Du musst aufstehen, du weißt doch, Morgenstund‘ hat Gold im Mund! Bis heute kann ich nicht verstehen, warum wir noch immer unsere Kinder aus dem Bett jagen, und sie entgegen aller Forschungs-Erkenntnisse um 7.30h in den Unterricht zwingen. https://www.swr.de/swraktuell/rp/streitthema-unterrichtsbeginn-erst-ausschlafen-dann-schule/-/id=1682/did=16023076/nid=1682/1dp195j/index.html

Irgendwann konnte mich der frühe Vogel mal, denn es ging nie darum, nicht früh aufstehen zu KÖNNEN! Ich bin weder ein Morgenmuffel, noch verschlafen. Aber es ist pure Freiheit für mich, meinem eigenen Rhythmus zu folgen! Denn meine Welt ist nicht nur morgens um 7 Uhr in Ordnung, sondern auch noch abends, lange nach 23 Uhr!

Doch zurück zur Blogparade! (Ich mach jetzt mal einen Riesen-Zeiten-Sprung!)

Irgendwann machte ich mich dann tatsächlich selbstständig, im puren Glauben und tiefer Überzeugung, dass ich dann wirklich frei sein werde. Weit gefehlt! Jetzt erfuhr ich wirklich was Druck ist! Denn aus meinem anerlernten DU MUSST wurde auf einmal ein viel dramatischeres ICH MUSS!

Ich muss! Noch besser, bekannter, erfolgreicher…. werden.

Ich muss! Noch mehr arbeiten, lernen, wissen, verdienen, optimieren…. bis hin zu dem Glauben und dem wohl größten kraftraubenden „Bullshit“ an Überzeugung:

Ich muss es allen (und insbesondere den „ungläubigen Skeptikern“ in meinem Umfeld) beweisen!!!

Obwohl ich mittlerweile schon recht erfolgreich war, fehlte plötzlich die Freude und wenn ich mich mal ausnahmsweise und ganz vorsichtig ausheulte hieß es:  „Wer sagt denn schon, dass ein Job immer Spaß machen MUSS!“

„ICH!“ flüsterte vorsichtig die kleine Revoluzzerin (du weißt ja, die, die wie Pippi Langstrumpf aussieht) schon deutlich leiser. Vielleicht beobachtete sie mich, vielleicht litt sie sogar, ich weiß es nicht, aber ich spürte, sie war nahe dran, sich komplett zurück zu ziehen. Kein Wunder, denn die strengen Anteile wurden immer lauter und standen noch unmissverständlicher „Gewehr bei Fuß“:

Ich verlor mich mehr und mehr in neuen Trends, die gerade uns Selbstständigen vorgeschrieben und eingeimpft werden. Irgendwann arbeitete ich nicht mehr selbst, sondern nur noch ständig! Und ich war überzeugt davon, ICH MUSS sie mitmachen, diese Trends wie z.B.

 

Du musst immer online sein! Aha! Mittlerweile bin ich echt gespannt, wann sich das erste Bestattersunternehmen auf den Werbebanner scheibt: „Wir legen Ihr Handy mit in den Sarg, damit Sie der liebe Gott rechtzeitig erreichen und passend einteilen kann!“ Mal ganz im Ernst: Wir verlieren uns doch ohnehin schon viel zu sehr im Gestrüpp des endlosen worldwideweb!

~ Du musst deinen Wunschkunden festlegen! Ok, das mag seine Berechtigung haben, aber in meinem Job ist das der absolute Blödsinn! Meine Kunden sind Menschen. Da gibt es keine Kategorie „gewünscht“ oder „ungewünscht“.

~ Du musst mit einer To-Do-Liste arbeiten! Und bitte, abrufbar im PC und auf jeden Fall als Excel-Tabelle, damit die Verlinkung mit deinem Online-Kalender synchronisiert! (Vielleicht bin ich etwas altmodisch, aber ich liebe mein klassisches Kalenderbuch!)

~ Du musst dir kurz-, mittel-, und langfristige Ziele setzen! Doch kaum einer erzählt dir, dass deine Sehnsüchte eine viel größere Schubkraft haben als alle Ziele zusammen!

~ Du musst alles perfekt automatisieren! Müssen wir Menschen tatsächlich zur perfekten Maschine mutieren und jegliche eigene Authentizität verlieren? (Was ich davon halte hab ich in meinem Blog ich bin perfekt unperfekt erzählt)

~ Du musst überall und ständig sichtbar und vor allem präsent sein! Auf FB, auf Instagram, auf Whatsapp, auf … Und: Du musst möglichst bei allen Business-Veranstaltungen, Webinaren, Vorträgen, Online-Kursen etc. dabei sein!  (Echt jetzt? Ich frage mich zwischendurch schon, ob diese Menschen denn tatsächlich auch noch Zeit für ihren eigentlichen Job haben).

~ Du musst einen konkreten Plan haben! Ausgerechnet ich, die genau weiß, dass das Leben oftmals ganz andere Dinge mit uns vorhat?

 

Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen. (John Lennon)

 

Kurz und gut, Fakt ist, ich bin eine ausgebildete Antistresstrainerin, aber all das machte mir so was von Stress, dass ich mir selbst einen Termin gab 😉

Mit dem Ergebnis, dass ich mir irgendwann sagte: Einen Scheiß muss ich!

Jetzt hatte ich das „Ei des Kolumbus“ in meinen Händen! Dachte ich, aber dann passierte noch etwas ganz Eigenartiges:

Kaum hatte ich meine Muss (was ist eigentlich die Mehrzahl von meine Muss???? Grins) im Griff, kroch ganz unauffällig und sehr hinterlistig ein anderes Wort in meine Hirnzentrale. (Unser Hirn ist ganz schön raffiniert, wenn wir nicht achtsam sind!) Und dieses arglistig versteckte Wort heißt:

„DU BRAUCHST!“

Es hat eine Weile gedauert, bis ich durchschaute, dass dieses DU BRAUCHST mindestens genau so übel ist, wie die Aussage DU MUSST!

Denn ich war zwischenzeitlich davon überzeugt, dass MÜSSEN und BRAUCHEN zwei Kumpanen sind, die mich (und vielleicht auch dich!) ständig von außen manipulieren und aus unserer inneren Kraft werfen.

Endlich tat ich das, was ich besonders gut kann: Ich suchte und fand eine perfekte Strategie! (das kann man von einer Lebensdolmetscherin ja auch verlangen! 😉

Ich hinterfragte alle meine ICH MUSS und ICH BRAUCHE, um sie mit einem einfachen Satz:  ICH KANN, WENN ICH WILL zu eliminieren.

Und ganz ehrlich: Damit geht’s mir richtig gut!

Muss ich tatsächlich einen Wunschkunden haben? Nein, aber ich kann – wenn ich will, aber ich will ehrlich gesagt nicht! Warum? Weil für mich JEDER MENSCH wichtig ist!

Brauche ich eine Todo-Liste in einer Excel-Tabelle? Nein, aber ich kann – wenn ich will (aber mit ein paar Post-It-Zetteln in meinem geliebten Kalenderbuch funktioniert das bestens.)

Muss ich meine Arbeit durch Online-Webinare ergänzen? Nein, aber ich kann – wenn ich will (aber  ich will wirklich nicht – warum hab ich vor kurzem in einem Interview erzählt)

Brauche ich wirklich alle modernen Tools und Techniken? Nein, aber ich kann – wenn ich will diese Werkzeuge nutzen (aber bislang verbringe ich meine wertvolle Zeit lieber mit dir direkt in meinen Seminaren, als mich stundenlang in irgendwelche Programme einzuarbeiten)

ICH KANN, WENN ICH WILL ist zum meinem Leitsatz geworden, der mich immer auf meiner eigenen Spur hält.

Seit ich die strengen Damen in mir deutlich in ihre Schranken verwies und ihnen immer wieder lauthals entgegen hielt „einen Scheiß muss ich!“ kehrte eine genüssliche Ruhe in mir ein und mit dieser Ruhe kehrte auch meine riesengroße Freude an meiner Arbeit zurück.

Und just in diesem Moment zieht ein Grinsen über mein Gesicht, weil sich meine hauseigene ausgelassene Revoluzzerin in mir wieder freut!  Sie bedankt sich mit einem fröhlichen Händeklatschen

  • bei dir, dass du bis hierher gelesen hast!
  • bei Elke, die diese Blogparade ins Leben gerufen hat. Und sie bedankt sich
  • bei Astrid Lindgren für ihre Pippi Langstrumpf, die mich lehrte:

„Freiheit ist, dass man nicht unbedingt alles so machen muss, wie andere Menschen!“

Heute bin ich zutiefst davon überzeugt, dass genau DAS mein Schlüssel für meinem Erfolg ist.

Ich bin genau die geworden, die alles kann, wenn sie will 😉

Was ich jetzt zum Schluss noch wirklich wirklich will ist :

Ich will auch dir Mut machen, deine ICH-MUSS-Ketten zu sprengen und dir ganz viele ICH-WILL-Lianen zu zeigen, mit den du dich in deine eigene Freiheit aufschwingen und endlich sagen kannst:

„Einen Scheiß muss ich, aber ich kann, wenn ich will!“

WEIL DU WICHTIG BIST!

Herzlichst deine Silke


11 thoughts on “Einen Scheiß muss ich…. oder warum wir so oft glauben, dass wir so viel müssen!

  1. Biggi says:

    Genau so ist es liebe Silke – danke für den herzerfrischenden Beitrag und herzliche Grüße von Pippi zu Pippi 😉
    ….ähm – ich MUSS glaub gleich mal die Filme suchen :*

    • silke2014 says:

      Danke liebe Steffi für deine Rückmeldung. Freut mich total. Achso und
      der Mann (von damals) wurde mir vor vielen Jahren „abgenommen“ 😉
      Aber das ist ok, denn der Jetzige passt mir eh viel besser!!

      Liebe Grüße
      Silke

  2. Irene Wolk says:

    Genialer Artikel – ich habe keine Sekunde bereut, mir die Zeit dafür genommen zu haben. Nicht mehr MÜSSEN, nicht mehr BRAUCHEN, sondern „Ich kann, wenn ich will!“ Das wird jetzt auch mein Motto sein. Danke für diesen Impuls, und wenn ich will, werde ich auch an der Blogparade teilnehmen 😉

    Lieben Gruß
    Irene

  3. Andreas says:

    Danke liebe Silke,
    wunderbar geschrieben!!! Ich kenne das nur zu gut, dieses „ich muss“… Obwohl ich in einer selbstsätndigen Arbeit generell nur das tun werde, was ich auch will, passiert es doch ständig, dass ich mich unter Druck gesetz fühle, mich selbst unter Druck setze. Dein Vorschlag, das umzuwandeln in „ich kann, wenn ich will“ war für mich super befreiend, ich werde mir diese Satz aufschreiben, gut sichtbar an meinen Schreibtisch (-; HERZLICHEN DANK

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