Blogparade Loslassen: Warum ich glaube, dass der Satz „Du musst nur loslassen!“ absoluter Quatsch ist.

Ich weiß, das ist eine etwas provokante Überschrift für meinen Blogartikel in meiner ersten eigenen Blogparade. Und doch wollte sie genau so geschrieben sein.

Allerdings musste ich erst selbst einige Gedanken loslassen, bevor ich mich getraut habe, diese Überschrift zu wählen. Da waren Gedanken wie:

Kann ich nach all den schönen Beiträgen einen so provozierenden Titel nehmen? Was werden da die anderen sagen? oder

Darf ich denn so etwas von Stapel lassen? Schließlich kommt dieser Satz „Du musst nur loslassen“ von einigen wirklich schlauen Menschen?

Trete ich vielleicht mit dieser Behauptung und dem, was ich gleich schreibe, jemand auf die Füße?

Aber als vor einigen Wochen während der Artikel-Ideen-Challenge von Elke Schwan-Köhr von Federführend Media die Idee für diese Blogparade entstand, hab ich mir vorgenommen, keinen „alles ist ganz easy“-Beitrag zu schreiben, sondern etwas provozierender in die Tasten zu hauen, denn:

Schon immer spürte  ich einen inneren Widerstand, wenn irgendjemand sagte, oder ich irgendwo gelesen habe „Du MUSST nur loslassen!“

Allein das Wort MÜSSEN verursacht (mir zumindest) Druck, Angst, Anstrengung und ganz häufig das Gefühl, etwas nicht so machen zu können oder zu dürfen, wie ich es für richtig halte.

In meiner fast 20jährigen Trainertätigkeit und auch in meinem Leben habe ich oft genug erlebt, dass es nun mal Dinge gibt, die wir nicht loslassen müssen und auch nicht loslassen können, weil sie zu unserer Geschichte gehören. Punkt.

Ich möchte genau an dieser Stelle ein Zitat von Barbara Pachl-Eberhart einfügen, die ich vor 2 oder 3 Jahren ein Wochenende lang in einem ihrer Workshops persönlich kennen lernen und genießen durfte:

„Natürlich bin ich immer noch oft in tiefer Trauer und Schmerz. Ich habe mit der Zeit gelernt es anzunehmen und dort hineinzugehen, wenn es Zeit ist den Verlust und Schmerz zu spüren. Dann nehme ich mir die Zeit. Und irgendwann sagt das Leben wieder: Willst du spielen, jetzt? Wie einst meine Kinder immer sagten, als sie noch lebten.“ (Barbara Pachl-Eberhart)

Bei diesem Zitat müssen wir wohl erst mal tief durchatmen, nicht wahr? Also lass uns das jetzt sofort tun.

So, ich glaube jetzt können wir weitermachen:

Die berühmte Kunst des Loslassens hat wohl jeden von uns schon auf irgendeine Art und Weise beschäftigt.

Kein Wunder, loslassen KÖNNEN ist in unserem Leben oft die große Herausforderung. Auch in meinen Seminaren und Workshops ist dieses Thema sehr präsent und in meinen Beratungen werde ich immer wieder gefragt:

„Silke, kannst gerade du mir als LebensDolmetscherin® einmal erklären, wie dieses Loslassen wirklich funktioniert?“

Nun, zunächst glaube ich, dass Loslassen nicht  „funktioniert“, sondern geschieht. Von ganz alleine.

Und zwar genau dann, wenn wir bereit dazu sind. Bereit sind wir dann, wenn

  • wir uns (wieder) auf die Gegenwart einlassen und unsere Aufmerksamkeit auf das JETZT verlagern können
  • wir unsere Geschichten und Erlebnisse mit Akzeptanz annehmen können und:
  • wir unsere alten Geschichten nicht mehr ständig mit unserer Präsenz nähren.

In meinen Seminaren arbeite ich beim Thema Loslassen gerne mit einem Lebens-Puzzle.

In diesem Lebens-Puzzle gibt es helle und für uns wahrnehmbar gute Teile, aber auch dunkle und als schlecht oder schwer empfundene Puzzle-Teile. Es gibt in diesem Puzzle unterschiedliche Teile für gute Zeiten und Teile für schlechte Zeiten.

Die Fragen, die wir uns zunächst dabei stellen sind u.a.:

  • Welche Teile nehmen den größten Raum von unserer Lebenszeit ein?
  • Welche Teile entsprechen der Gegenwart, welche der Vergangenheit?
  • Welche Teile greifen in höchstem Maße in unsere Lebensqualität ein?

Ich selbst betrachte das Leben als ein geniales Gesamtkunstwerk mit unzählig vielen Aspekten.

Wenn wir dann etwas genauer über diese Aspekte nachdenken, erkennen wir unschwer: Für alles in diesem Leben gibt es immer ein Gegenstück.

Ich kann kein warm fühlen, wenn ich nicht auch schon Kälte gespürt habe. Ich kann keine Freude erfahren, wenn ich nicht auch das Leid kenne. Wir alle wissen nicht, wann wir ganz oben sind, ohne jemals die Tiefe erlebt zu haben.

Wenn wir nur einen einzigen Teil vom Ganzen ablehnen oder verneinen, können wir auch auf der anderen Seite kein deutliches JA finden.

Irgendwann habe ich das mal so formuliert (upps, wer hätte gedacht, dass ich mal ein Zitat von Silke Steigerwald hier einstelle, smile)

Wir Menschen neigen dazu, die sogenannten „schlechten Teile“ abzulehnen oder wegmachen zu wollen. Aber wie sollten wir eine Ahnung von Frieden in uns spüren, wenn wir nicht auch um unsere inneren (und äußeren) Kriege wissen. (Silke Steigerwald)

Loslassen MÜSSEN würde also bedeuten, dass wir einen Teil unseres gesamten Lebens-Puzzles herausschneiden und uns damit unvollständig machen.

(Vielleicht entsteht gerade aus diesem Gedanken die Idee in vielen von uns, dass wir uns unvollständig und unperfekt fühlen.)

Wenn wir glauben, dass wir mit aller Gewalt etwas loslassen oder loswerden müssen, befinden wir uns in seltsamer Gesellschaft:

  • Loslassen bringt uns in die Schwingung des Bereuens. Hätte ich doch damals schon… Wäre ich doch niemals…. usw.
  • Loslassen bringt uns in die Frequenz des Opfer-Seins: Warum ist mir das nur passiert…. Wie soll ich das nur aushalten….
  • Loslassen bringt uns in die Energie des Verleugnens: Wenn meine Eltern dies oder das anderes gemacht hätten…. Wenn mein Partner doch nur…. Ich hab es doch nur gut gemeint….

Was also können wir tatsächlich tun?

Ich glaube, wir können all das, was wir scheinbar loslassen möchten, nicht durch Ignoranz und Ablösung von irgendwelchen Glaubenssätzen eliminieren.

Wir KÖNNEN nichts loslassen – und davon bin ich zutiefst überzeugt – weil in diesem Universum nichts verloren geht!

(Puh, höre ich gerade einen Aufschrei von einigen Coaches und Trainern, die behaupten: Du musst deine alten Glaubenssätze aber loslassen, wenn du ….)

Ganz ehrlich? Ich glaube auch nicht an das Loslassen von Glaubenssätzen!

Woran ich jedoch glaube ist, dass wir täglich neue Gedanken zusätzlich in uns manifestieren können.

Wenn wir mit dem Lebens-Puzzle arbeiten und die neuen Gedanken in unser Mindset integrieren, dann werden diese auf einmal den großen „dunklen“ Bereich unseres Lebens-Puzzles durchstrahlen, ohne dass wir versuchen MÜSSEN, die anderen (dunklen) Bereiche weg machen zu wollen.

Nochmal: In diesem Universum geht nichts verloren…

Solange wir uns auf die Frequenz des entweder/oder einstellen und wir glauben, dass wir immer zwischen den Polen von gut und schlecht, richtig und falsch hin und her strampeln müssen, übersehen wir einen großen Raum voller unendlicher Möglichkeiten.

Wenn wir es schaffen, unsere dunkelsten Seiten und Zeiten anzunehmen als das, was sie sind: Dunkel und schmerzhaft, dann erfahren wir auch gleichzeitig, dass das Strahlen und Funkeln nicht verloren gegangen ist.

Nochmal: In diesem Universum geht nichts verloren. Auch nicht das Gute.

Wenn es dir also gelingt, Liebe und Akzeptanz für das zu spüren, was dir scheinbar den Boden unter den Füßen weg gezogen hat, und du dann mit der gleichen Intensität (!!!) auf das schaust, was dich hält, bist du im großen Raum der unbegrenzten Möglichkeiten. Dann findest du genau den Raum, in dem Loslassen geschieht.

Wenn wir in einem Seminar diesem großen Raum betreten, frage ich meine Teilnehmerinnen u.a.

„Wer wärst du, wenn dies oder das nicht geschehen wäre“

„Was willst du aus diesem Tal mit nehmen?“

„Welche Möglichkeiten kannst du jetzt wählen?“

In diesem Moment spüren wir alle das erste Funkeln und Glitzern, weil wir unsere Aufmerksamkeit auf das lenken, was da noch ist. Und plötzlich erleben wir, dass Loslassen auf einmal von ganz alleine geschieht.

Wenn auch du genau das erleben möchtest, dann hast du im März 2018 in meinem Wochenend-Workshop Ein liebevoller Dialog mit deinem Leben die Möglichkeit, diesen großen Raum zu entdecken und dein eigenes Lebenspuzzle endlich zum Funkeln, Glitzern und Leuchten zu bringen. Du erlebst ein WUNDERvolles Wochenende in dem echtes Loslassen geschieht.

Völlig losgelöst und leicht schaue ich auch heute noch mit einer großen Dankbarkeit auf meine „dunklen“ Puzzleteile. Genau sie machten mich zu dem, was ich heute bin. Ohne sie hätte ich niemals diesen großen Raum der unbegrenzten Möglichkeiten betreten.

Entdecke auch du diesen großen Raum. Wenn du dich NOCH nicht traust, dann lass uns das gemeinsam tun. Ich warte dort auf dich.

WEIL DU WICHTIG BIST !

Herzlichst deine Silke


10 thoughts on “Blogparade Loslassen: Warum ich glaube, dass der Satz „Du musst nur loslassen!“ absoluter Quatsch ist.

  1. Karin says:

    Ein sehr schöner Artikel liebe Silke,
    loslassen von all den Dingen die nicht guttun, bedeutet nicht vergessen oder vergraben/verbrennen. Für mich bedeutet es wieder zu mir selbst zu finden. Meine Werte, meine Art zu sein „auch alleine“ wieder zu beleben. Einfach leben. Ich ertappe mich immer öfter dabei, dass ich Dinge geschehen lasse ohne diese Themen vor- oder nachzubereiten. Ich lasse mich einfach ganz fallen – im scheinbaren Nichtstun – einen Gedanken auffangen, träumen, damit einschlafen und einfach weiter leben. Es kehrt sehr tief in mir Ruhe ein. Danke dir für deine Wegbegleitung – dein Hinschubsen auf eine neue Richtung in meiner Lebensbetrachtung. Ich drück dich von Herzen. Lieben Gruß, Karin

    • silke2014 says:

      WOW, was für ein wundervolles Feedback von dir. Ich bin sooooooo stolz auf dich
      und lass mich gerne von dir drücken 😉

      Herzensgrüße und eine liebevolle Umärmelung zurück
      Bussi Silke

  2. Sandra Liane Braun says:

    Liebe Silke,

    deine Metapher mit den dunklen und hellen Puzzleteilen gefällt mir. Es fügt sich alles zusammen – so, wie es zusammen gehört und somit zu UNS gehört. Gestern habe ich mit einem Kollegen über „Identität“ diskutiert und philosophiert. Beide haben wir über auch über Krankheiten gesprochen, die uns sehr geprägt haben – und zwar im positiven Sinne. Das Erleben der Krankheit selbst, den Weg finden damit umzugehen und ihn gehen… das hat uns viel gelehrt und reifen lassen. Wir wären heute nicht da, wo wir sind und in dem was wir tun. Es gehört zu uns, unserer Identität unserem Leben und Jahre später erkennt man, wie sich die Puzzleteile zusammenfügen. Das versöhnt und heilt.

    Danke für deinen schönen Artikel.

    Liebe Grüße
    Sandra

    • silke2014 says:

      Ich danke DIR für deine Zeit, dein Lesen und dein wundervolles Feedback.
      Und ich freue mich auf deinen Artikel
      Liebe Grüße
      Silke

  3. Cornelia says:

    Hallo, liebe Silke 🙂

    Herzlichen Dank für Deine wunderbaren Worte. Ja richtig, es gibt immer dunkle Puzzelteile. Ich hätte auf meine auch sehr gerne verzichtet. Aber wie Du so schön schreibst, habe auch ich eingesehen, dass ich nicht da stehen würde, wo ich heute bin. Auf irgend eine Art und Weise, sollte ich dankbar sein, dass ich es überstanden und mich dadurch entwickelt habe. So schmerzhaft dies seelisch auch war.

    Herzliche Grüsse,
    Conny

    • silke2014 says:

      Danke liebe Conny für dein wundervolles Feedback.
      Ja es gibt immer Zeiten, in denen uns das Leben ganz schön „durchschaukelt“ und wir einige schmerzhafte Blessuren davon tragen.

      Zu wissen, dass uns genau diese Blessuren auf unserem ureigensten Weg nach vorne bringen, zu spüren, dass sie uns dabei nicht zerstören können,
      zu sehen, dass wir ohne sie nicht die wären, die wir sein können und wollen, macht uns (irgendwann) ein Stückchen heiler. Die eine oder andere
      Narbe wird zwar bleiben, aber wir müssen sie nicht mehr ständig „verSORGEn“. Und irgendwann können wir darauf schauen und sagen. „Ja ich weiß
      noch, ja ich erinnere mich“. Aber dann wird sie nicht mehr schmerzen, sondern einfach ein Teil von uns sein.

      Herzliche Grüße zu dir und weiterhin viel Erfolg für dich.
      Ich werde deinen Weg weiterhin „verfolgen“ und mich mit dir freuen.

  4. Kay says:

    Loslassen bedeutet für mich immer die bewusste Auseinandersetzung mit sich selbst und den Dingen, die einen belasten.
    Loslassen bedeutet nicht verdrängen oder vergessen wollen, sondern sich von den Dingen zu befreien, die die eigene Lebensqualität massiv beeinträchtigen.
    Dazu muss man sich aber immer in den Prozess der Konfrontation mit sich selbst begeben, denn nur so kann man sich letztendlich davon befreien.
    Ich denke, dass Loslassen zu können wichtig ist. Aber es will gelernt sein.
    Ich verstehe aber deinen Ansatz. Es kommt eben immer darauf an, wie man Loslassen definiert🙂
    Ein schön geschriebener Artikel, der definitiv zum Nachdenken anregt!

    Liebe Grüße, Kay.
    http://www.twistheadcats.com

    • silke2014 says:

      Liebe Kay, herzlichen Dank für deine Rückmeldung.
      Ja ich gebe dir recht. Du hast das sehr gut beschrieben, wenn
      du sagst, Loslassen zu können ist wichtig. Und ja es will gelernt sein.
      Ich „MUSSTE“ einfach mal das Loslassen MÜSSEN etwas genauer definieren.

      DANKE !!!!

      Herzliche Grüße Silke

  5. Jutta Krakowiak says:

    Liebe Silke,

    herzlichen Dank für den sehr interessanten Artikel. Loslassen geschieht, wie du sagst, von alleine. Ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen. Es ist wie das Herausgleiten tausender weißer Luftballons aus deinen Händen, die langsam in den Himmel hinaufsteigen und immer kleiner werden, bis sie nicht mehr sichtbar sind. So habe ich mir diesen Tag bildlich verinnerlicht. Aber das, was ich nicht mehr sehe, muss deshalb nicht verschwunden sein (und ist es letztendlich auch nicht) . Das, was einem Menschen geschehen ist, kann man nicht wegradieren. Aber man kann lernen, das „Gestern“ nicht mehr als Feind zu sehen, der einen in die Opferrolle drängt und handlungsunfähig macht. Worte wie „du musst loslassen“ sind nichts als leere Worthülsen. Dies sollte man auch mehr in der therapeutischen Arbeit berücksichtigen. Verordnetes oder gezieltes Loslassen bedeutet für mich nichts anderes als Verdrängung. Und Verdrängung ist für mich persönlich sehr gefährlich. Dahinter verbirgt sich meiner Meinung nach aus eine gewisse Verleugnung des eigentlichen Lebens. Denn zum Leben gehören sowohl die schönen als auch die traurigen Dinge dazu. Die schönen, um zu lächeln und die traurigen, um sie anzunehmen, daraus zu lernen und dann daran zu wachsen….

    In diesem Sinne wünsche ich dir weiterhin viel Erfolg und grüße dich herzlich

    • silke2014 says:

      Hallo liebe Jutta,

      vielen lieben Dank, dass du uns an deinen sehr wertvollen Gedanken und Bildern teilnehmen lässt.
      Du hast es WUNDER-voll beschrieben. DANKE

      Herzlichst Silke

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