Nein sagen können tut der Seele auch gut!

oder: Eine wahre Geschichte vom Nein-Sagen-Können.

Neulich standen 2 Schwestern bei mir vor der Türe. Also keine Schwestern aus einem Kloster (was ja bei mir durchaus nahe liegt! Bin ich doch diejenige, die mit dir ins Kloster geht 😉).

Nein, vor meiner Türe standen 2 richtige Geschwister-Schwestern. Fröhlich überreichten sie mir einen farbenfrohen duftenden Blumenstrauß.

Seit vielen Jahren bekomme ich von den beiden immer im Juli einen Strauß geschenkt. Irgendwie ist das schon fast ein Jahres-ABO!

Wie jedes Jahr schwelgen wir drei Frauen dann in Erinnerung. „Weißt du noch?“ ist der erste Satz, der sofort Lachsalven in uns auslöst. Und wie aus einem Munde ertönt bei uns Dreien ein lautes „NEIN ist ein ganzer Satz!“

Wie die Geschichte begann:

Vor einigen Jahren kam eine der beiden Schwestern zu mir und stöhnte: „Frau Steigerwald, (wir waren damals noch per Sie), ich könnte viel leichter leben, wenn ich nur endlich mal nein sagen könnte! Wie kann ich das lernen?“

Nach den ersten Minuten des Kennenlernens erzählte sie mir viele Beispiele, in denen sie nicht nein sagen kann:

Da war die Geschichte von ihrem Chef, der sie just zum Feierabend noch irgendwelche Akten suchen und Mails schreiben ließ.

Da war die Geschichte von ihrer Nachbarin, für die sie (trotz ihrer Katzenallergie) immer wieder treu und ergeben die Urlaubsbetreuung der 2 Siam-Katzen übernahm.

Da war die Geschichte mit ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit, die ihr schon längst über den Kopf wuchs, aber sie brachte es nicht übers Herz, dabei etwas kürzer zu treten. Und:

Da war die Geschichte mit ihrer Schwester. Und dann atmete sie schwer. Ich spürte sofort, dass dies eine ihrer größten Geschichten werden würde.

„Ich würde so gerne mal Weihnachten alleine mit meinem Mann auf einer Hütte in den Bergen verbringen!“ Und dann liefen die Tränen… Nach einer Pause ließ ich sie weitererzählen.

Kurzum: Fakt war, dass sie ihre Schwester nicht enttäuschen wollte, und sie deshalb seit Jahren auf einen romantischen Heiligen Abend mit ihrem Mann verzichtet. Die endlosen Diskussionen mit ihrem Mann will ich hier gar nicht erwähnen.

Immer wieder erzählen mir Menschen davon, dass sie einfach nicht nein sagen können.

Manchmal haben die Menschen Angst nein zu sagen, um andere nicht zu enttäuschen.

Andere haben Angst nein zu sagen, weil sie sich vor Konflikten und Auseinandersetzungen scheuen.

Manche Menschen haben Angst vor Ablehnung, Unverständnis oder gar Liebesentzug. Nicht wenige Menschen haben auch Angst, etwas zu verpassen, nicht (mehr) dazuzugehören, nicht irgendeiner Norm zu entsprechen, usw. usw.

Das magische an dieser Schwestern-Geschichte jedoch war, dass wenige Tage nach diesem Gespräch eine andere Frau zu mir kam, die mir auch von ihrer Schwester erzählte.

Anfangs fand ich das gar nicht so außergewöhnlich, doch irgendwann machte es „Click“ in meinen Kopf:

Denn diese Frau erzählte mir davon, dass sie liebend gerne mal ein Weihnachtsfest ganz gemütlich und ohne Stress nur mit ihrem Mann und ihren Kindern verbringen würde. „Warum tun Sie das nicht?“ fragte ich. Sie erklärte mir, dass ihre Schwester und ihr Schwager jedes Jahr an Weihnachten zu ihr kommen und sie sich verpflichtet fühlt, 3 Tage lang aufwändig zu kochen und nebenbei auch noch zusätzliche Familienbesuche organisiert.

Kurzum: Fakt war, dass sie ihre Schwester nicht enttäuschen wollte, und sie deshalb seit Jahren auf einen ruhigen, gemütlichen Heiligen Abend nur mit Mann und Kindern verzichtet.

Halleluja, nun war ich in einer Zwickmühle. Es war eindeutig, dass es sich um die Schwester meiner anderen Klientin handelte. (Keine von beiden wusste damals natürlich, dass die andere bei mir im Coaching ist)

Wie ich diesen Konflikt löste, will ich an dieser Stelle nicht ausdehnen. Dass es gelungen ist, weißt du ja schon. (Blumenstrauß-Abo im Juli und Gelächter)

Über was ich heute mit dir reden möchte ist: 

Woher kommt eigentlich die Angst, NEIN zu sagen?

In den meisten Fällen hängt diese Angst mit unserer frühkindlichen Prägung zusammen. Ein Nein war eine Form von Verbot. Ein Nein war eine Form von Entzug.  Ein Nein verursachte uns ein Gefühl von Ausgrenzung. Ein Nein erzeugte in unserem kindlichen Empfinden schlichtweg ein unangenehmes, schlechtes, ungeliebtes Gefühl.

Irgendwann übernahmen wir das Nein in unsere eigene Ausdrucksweise. Wir starteten mutig die ersten Versuche SELBST nein zu sagen. Wir wollten nicht „die schöne Hand“ geben. Wir wollten nicht artig sein. Wir wollten uns nicht die Haare kämmen lassen. Wir wollten nicht stillsitzen.

Plötzlich mussten wir mehr oder weniger schmerzhaft lernen: Ein Nein verursacht Bestrafung, Ablehnung, Ignoranz und vieles mehr. Kein Wunder, dass wir mit dem Nein-Sagen ein Problem haben!

Warum sagen wir so oft JA, obwohl wir Nein meinen?

Weil die beiden Aspekte sehr nahe beieinander liegen und wir nur selten darüber nachdenken, dass jedes JA für andere (sofern wir es nicht aus tiefer Überzeugung und Aufrichtigkeit und liebend gerne aussprechen) ein Nein zu uns selbst ist.

Ich möchte gar nicht wissen, wie viele JA‘s wir aussprechen, obwohl sie nicht wirklich von Herzen kommen.

Ich will nicht wissen, wie viele Kuchen gebacken werden, die nicht gebacken werden wollen.

Ich will nicht wissen, wie viele Überstunden gemacht werden, weil wir um die Gunst oder Anerkennung unserer Kollegen und Chefs buhlen.

Ich will nicht wissen, wie viele kräftezehrende und unfreiwillige JA’s über das ganze Jahr abgeleistet werden.

UND gar nicht zählen möchte ich die vielen Neins die wir dabei uns selbst (häufig unbemerkt) auflasten.

In unserer Gesellschaft gilt ein Nein an Andere oftmals als unhöflich, unbescheiden, und nicht selten wird es als egoistisch bewertet.

Uns selbst dagegen muten wir diese Unhöflichkeit, Unbescheidenheit und diesen Egoismus zu! Und was noch viel bedeutsamer ist, wäre aus meiner Sicht die Frage:

Warum ist (wenn wir ganz ehrlich mit uns selbst sind) ein unehrlich gemeintes Ja scheinbar so viel ehrenhafter, als ein klares Nein?

In meinem Coaching werde ich ab und zu sogar noch etwas deutlicher: Wollen wir tatsächlich zur Rasse der „Immer-Ja-Sager“ gehören?

Wie kannst du Nein sagen lernen?

Es gibt zunächst zwei wichtige Ansätze, die du in Verbindung mit einem Nein vermeiden solltest:  Ausreden und Entschuldigungen.

Ein NEIN wird nicht automatisch besser, wenn du dir eine Ausrede einfallen lässt. Denn dabei ist das schlechte Gewissen (DEIN schlechtes Gewissen) schon vorprogrammiert.

Ein NEIN wird auch nicht automatisch besser, wenn du dich dafür 1000x entschuldigst. Das verführt dich lediglich früher oder später in eine Opferrolle.

Was also kannst du tatsächlich tun, um aus dem „Immer-ja-Sagen“ auszusteigen?

Darauf gibt es tatsächlich nur eine einzige Antwort: Üben, üben und nochmals üben. Am besten geht das zunächst über

  • Schritt 1: das Beobachten:

Beobachte dich zunächst ganz genau, in welchen Situationen du JA sagst, obwohl du NEIN meinst. Erkenne das Gefühl HINTER deinem Ja. Welche Vorteile bringt es dir, ja zu sagen und welche Nachteile, wenn du nein würdest. Mach dir Notizen während deiner Beobachtungen.

Beobachte, wie du selbst mit NEIN’s von anderen umgehst. Welches Gefühl löst es bei dir aus? Damit kommst du deinen eigenen Ängsten besser auf die Spur.

  • Schritt 2: Die Achtsamkeit:

Kombiniere das Nein-Sagen in relativ „einfachen“ Situationen mit einem Danke. Sage öfter ganz bewusst nein danke, wenn du kein 2. Stück Kuchen möchtest. Sage bewusst nein danke, wenn dich die Verkäuferin fragt, ob sie dir helfen kann. Sage bewusst nein danke, wenn dir irgendwer ein zusätzliches Angebot aufs Auge drücken will.

Achte auf die „End-Situation“: Welche Verpflichtungen gehst du ein, wenn du ein Ja gibst? Und welche gefühlten Ergebnisse erzielst du mit einem Nein?

  • Schritt 3: Die Vorbeugung

Ergründe wann und wie oft du anderen einen Gefallen tust? (Hier kommt die LebensDolmetscherin® in mir durch: Analysiere einmal für dich das Wort Gefallen! Wem willst du damit gefallen? Oder: in welche Falle bist zu dabei getreten?

Stärke deinen Selbstwert und deine Selbstliebe. Dies hat nichts mit dem oft so schlecht interpretierten Egoismus zu tun. Im Gegenteil! Nur wenn du selbst gut auf dich schaust, bleibst du in deiner Kraft. (Und ich könnte wetten, dass dir ein paar Andere ganz gut vormachen, wie man gut an sich selbst denkt!!!!)

Bereite dich auf Nein-Situationen vor, und lege dir Sätze zurecht, mit denen du Zeit gewinnst.  „Kann ich dir morgen meine Entscheidung mitteilen?“  Oder: „Im Moment kann ich dir nicht zusagen!“ Oder: „ich mag/kann mich jetzt nicht festlegen!“

  • Schritt 4: Der Fokus

Viele Veränderungen gelingen mit einem konzentrierten Fokus auf die „andere Seite“. Übe dich im Ja-Sagen! Wohlgemerkt: im JA zu dir selbst. Nimm dir schon morgens vor, dass heute dein JA-ZU-DIR-SELBST-Tag ist. Schenke dir selbst mehr JA’s! Ja, heute werde ich pünktlich Feierabend machen. JA, heute werde ich mir etwas Schönes gönnen. JA, heute werde ich nur aufrichtige und von Herzen ehrlich gemeinte JA’s geben. Ja, heute werde ich nur Ja sagen, wenn mein Ja authentisch ist. UND: JA, heute werde ich nein sagen, wenn ich nein sagen möchte.

Wie du am Beispiel der beiden Schwestern gut erkennen kannst, waren ihr „gut gemeinten“ JA‘s  für die andere nicht immer und automatisch die richtige Lösung 😉 Ein klares frühzeitiges NEIN hätte ihnen viele Tränen erspart. Und sie haben erkannt: Die Dinge sind nicht immer so, wie sie scheinen!

Zum Glück haben wir gemeinsam die Kurve gekriegt – und ich die Blumen! 😊

Falls du Fragen zu diesem Thema hast, darfst du mich gerne kontaktieren.

WEIL DU WICHTIG BIST!

Herzlichst

Deine Silke

 

 

 

 

 

 

 

 


3 thoughts on “Nein sagen können tut der Seele auch gut!

  1. Dr. Annette Pitzer says:

    Liebe Silke,
    ein rundum gelungener „Nein-Artikel“, danke dafür. Persönlich habe ich kein so großes Problem mit dem Nein sagen. Es ist aber amüsant zu beobachten, wie das Umfeld reagiert. Fast nie rechnet mein Gegenüber mit meinem deutlichen Nein und dann beginnt die Diskussion, ja aber warum denn nicht… Es folgt Argument auf Argument. Ich bleibe immer ganz entspannt und ruhig und voll bei mir und höre zu. In 99,9% bleibt es beim Nein, trotz zuhören und nachdenken.
    Alles Liebe
    Annette

    • silke2014 says:

      Liebe Annette,
      das ist etwas ganz Wichtiges, das du hier schreibst.
      Ich höre oft, dass Menschen (vor allem Frauen!) sich zwar mehr und mehr trauen, Anderen tatsächlich ein Nein zu geben, aber dann doch sehr oft ins Wanken kommen und sich auf die Ja-Seite
      ziehen zu lassen.
      Entspannt, ruhig und voll bei sich selbst zu bleiben macht es dann wirklich einfacher bei einem Nein zu bleiben.
      DANKE 🙂
      Liebe Grüße Silke

  2. Kay says:

    Ein toller Beitrag! Ich selbst habe einen ähnlichen in Planung mit demselben Fazit und auch wenn es mir selbst leicht fällt, nein zu sagen, hat mich ebenfalls eine andere Person dazu inspiriert übers nein sagen zu schreiben, denn auch ihr fiel dies schwer, da sie ein Mensch ist, der niemanden enttäuschen möchte und dabei oft ihre eigenen Bedürfnisse hinten anstellt, was auf Dauer einfach nicht gut geht!
    Danke für deine Sicht der Dinge, dein Text war mir wieder mal eine große Inspiration!

    Liebe Grüße, Kay.
    http://www.twistheadcats.com

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