Verdrängen ist nicht aufschieben. Auch nicht verschieben. Und schon gar nicht aufräumen. Aufräumen schafft Platz. Verdrängen wiegt schwerer, denn Verdrängen stellt einen Schrank vor die Tür.
Am Anfang merkst du nichts. Das Leben läuft weiter. Du funktionierst, lachst, gehst shoppen… aber hinter dem Schrank atmet was. Mit jedem Tag, an dem du nicht hinsiehst, wird der Schrank breiter. Er frisst sich in den Flur, ins Schlafzimmer, und mehr und mehr in deine Gedanken.
Wenn das Leben schrumpft, passiert Enge.
Plötzlich musst du Umwege gehen. Bestimmte Worte meidest du. Manche Lieder überspringst du. Vielleicht weichst du sogar Menschen aus, die dich zu gut kennen.
Verdrängen heißt: Es wird enger in deinem Leben.
Nicht weil das, was du wegsperrst, groß wird, sondern weil du kleiner wirst. Dein Leben schrumpft auf die Fläche, die dein Schrank dir übrig lässt.
Von außen sieht keiner deine Enge, denn du trägst dein tapferes Lächeln weiter. Außen hältst du die Fassade aufrecht. Innerlich hältst du die Luft an. Und hältst. Und hältst. Nur nicht hinschauen, nur nicht dran denken. Bis du vergessen hast, wie sich tiefes Durchatmen anfühlt.
3 Wege, die wirklich etwas verändern:
Nicht mit Gewalt. Sondern mit Gefühl. Zentimeter um Zentimeter. Dieser Schrank des Verdrängens ist nicht festgeschraubt. Du hast ihn „nur“ abgestellt. Also kannst du ihn auch wegrücken.
Weg 1 – Benennen: Gib dem Druck einen Namen
Solange es „dieses blöde Gefühl“ oder „die Sache von damals“ oder die „eine offene Rechnung“ ist, wabert es. Nur: Dein Nervensystem kann mit waberndem Nebel nichts anfangen. Dein Nervensystem braucht eine klare Kontur.
Mein Tipp 1: Die Abend-Übung:
Nimm einen Zettel. Setz dich an den Tisch. Kein Handy. Kein TV. Keine Tastatur, sondern direkt vom Kopf in die Hand und auf das Papier.
Los geht’s: Schreib einen Satz auf, vor dem du wegläufst. Nur einen einzigen!
„Ich habe Angst, dass ich nicht (gut) genug bin.“
„Ich habe Angst, dass ich das alles nicht mehr schaffe.“
„Ich bin wütend, weil er einfach gegangen ist.“
„Das verzeih‘ ich mir/dir nie.“
„Ich schäme mich so sehr.“
„Ich versteh nicht, wie kann man nur so doof sein“
Dann lass den Stift sofort fallen. Atme. Das war’s. Nur benennen. Jetzt spüre mal genau nach: Da war kurz Luft da. Stimmt‘s ? Wie ein kleiner Spalt in der Enge. Der Schrank hat geknarrt. Das ist alles. Und doch ist das riesig.
Zitat: Wenn wir etwas benennen, nehmen wir den Monstern die Maske. Plötzlich hat es eine wahrgenommene Größe. Und du bist nicht mehr kleiner.
Weg 2: Dosieren: Die 5-Minuten-Wahrheit
Dein Kopf sagt: „Wenn ich da hinsehe, geht die Tür nie wieder zu. Dann ersäuft mich das alles. Die Schulden, die Kränkungen, die Sorgen, die Trauer… Das ist eine Lüge. Du ertrinkst, weil du die Luft ständig anhältst. Nicht weil du atmest und genauer hinschaust.
Mein Tipp 2: Die Morgen-Übung:
Stell dir einen Timer auf exakt 5 Minuten. In diesen 5 Minuten erlaubst du dir, zu fühlen, was da ist. ABER: Nur das, was da JETZT gerade DA ist. Ohne Geschichten drum herum, ohne ahnungsschwere Fortsetzungen, ohne Bewertungen UND: ohne Lösung. Nur spüren was da ist. Wo sitzt die Enge? Im Hals? Im Bauch? Ist die Enge kalt oder heißt? Spürst du Druck oder Ziehen?
Wenn der Timer klingelt, ist sofort Schluss. Bewusst. Mach dir einen Tee oder einen Kaffee. Trink ein Glas Wasser. Und dann schau aus dem Fenster. Geh zurück ins Helle. Dieser Tag ist dein Tag. Mit allem, was ist. Es ist dein Tag. Nimm ihn dir.
Ich nenne diese Übung Morgen-Pendeln. Du beweist deinem Körper: Ich kann hingehen UND ich komme wieder raus. Jedes Mal wird der Schrank ein bisschen leichter. Denn: Enge löst sich nicht durch einen Marathon, sondern durch einen Intervall. 5 Minuten Mut, 23 Stunden und 55 Minuten Leben. Das hältst du aus!
Weg 3: Kannst Du mal kurz mit mir reinschauen, heißt: Du musst das nicht allein halten
Lass endlich Luft in dich rein. Und Luft raus… aus dem Schrank. Denn: Der Schrank ist nicht festgeschraubt. Du erinnerst Dich? Du hast den Schrank „nur“ abgestellt. Also kannst du ihn wegrücken.
Nicht mit Gewalt. Sondern mit Gefühl. Zentimeter um Zentimeter.
Manchmal ist der schwerste Hürde der Welt die Frage: „Kannst du das alles mal kurz mit mir anschauen? Mit mir halten?“
Warum? Weil wir glauben, wir müssen stark sein. Also stehen wir allein vor dem Schrank und drücken mit dem Rücken dagegen. Bis wir zittern. Wir glauben, wir sollten uns schämen, dass wir es soweit haben kommen lassen. Oder wir trauen uns nicht zu trauern… Also stehen wir vor dem Schrank und drücken mit Stirn und Händen dagegen.
Mein Tipp 3: Such dir einen Menschen.
Nicht die Freundin, die sofort Lösungen und eh alles im Griff hat. Sondern jemand, der mit Dir schweigen kann. Sag diesem Menschen: „Ich muss dir nichts erzählen, ich will nur dass du da bist, während ich kurz hin fühle. Sag nichts. Halte nur den Raum.“
Und dann mach es. Schließ die Augen. 60 Sekunden. Fühl die Enge. Während jemand mit atmet.
Wenn dir niemand einfällt, der mit dir atmet, dann such dir einen Mensch, der es gelernt hat, weggenommene Räume zu halten. Weil 4 Hände mehr halten als 2. So einfach ist das. Du bist nicht schwach, du brauchst einfach jemand, der den Schrank mit dir schiebt. Damit aus Panik ein anderes Gefühl wird. Ein Gefühl, das fließen kann und dich endlich weit macht.
Weg 4: Such dir Weite!
Nein nicht „Such‘ das Weite!“ Das verschiebt nichts. Such DIR Weite in dir selbst! Warum?
Weite knallt nicht. Sie schleicht sich ganz vorsichtig rein. Erst fühlt es sich komisch an. Vielleicht wie ein Windhauch, vielleicht sogar zugig. Ungewohnt. Wie in einem Zimmer, das lange verschlossen war. Doch plötzlich ist da Platz in deiner Brust, von dem du nicht mal wusstest, dass er dir gefehlt hat.
Nochmal: Verdrängen macht eng. Hinschauen macht verletzlich. Aber nur eins davon lässt dich am Ende des Tages tief seufzen.
Du musst das nicht perfekt machen. Nur anfangen.
Vielleicht hast du bis hierher gelesen und denkst dir: „Ha, Silke ist zwar schön geschrieben, aber bei mir ist der Schrank aus Beton.“
Glaub mir, ich kenne keinen Schrank, den ein Mensch allein hingestellt hat, den man nicht auch wieder Zentimeter für Zentimeter weg bekommt.
Der Unterschied zwischen verdrängen und auflösen ist kein lauter großer Knall. Es ist die Entscheidung, heute 5 Minuten ehrlicher zu sein als gestern.
Silke Steigerwald
Nicht wenn du „bereit“ bist.
Nicht wenn es „passt“.
Sondern jetzt, in diesem Moment, mit zittrigen Händen oder auch mit einem proppenvollen Terminkalender.
Du musst das nicht allein stemmen. Ich bin da für dich.
Und ja, vielleicht flüstert gerade die Scham „Wenn die wüsste, wie es in mir aussieht!“
Ganz ehrlich? Diejenigen, die dich wirklich halten können, wissen es, wie es in dir aussieht. Dafür sind sie ja da.
Unterstützung zu holen ist kein Beweis, dass du zu schwach bist. Es ist der Beweis dafür, dass du es dir wert bist, dass es leichter wird.
Silke Steigerwald
Wenn du spürst, dass dein Schrank zu schwer geworden ist und du dir eine „Möbel-Schieberin“ wünschst, dann schreib mir eine Mail.
Kein Druck, kein „du musst“ sofort alles erzählen. Ein Satz reicht, so wie ihn mir Roswitha geschrieben hat:
„Ich lese das hier und weiß nicht, wo ich anfangen soll“. Oder Peter:
„Ich halte die Luft an, seit Jahren“ Oder Corinna… oder… oder… Ein erster Satz genügt. Von da aus gehen wir gemeinsam. In deinem Tempo.
Deine Enge darf enden. Und deine Weite darf anfangen. Heute.
WEIL DU WICHTIG BIST.
PS: Ich lese und beantworte jede Mail persönlich. Keine Floskeln, keine Automatismen. Versprochen.




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