Selbstständig zu sein ist eine süße Freiheit, aber nicht immer ein Honigschlecken.

von | 19. Sep 2022 | Allgemein | 1 Kommentar

Ich habe keinen Chef – ich bin mein eigener Chef. Was für eine Freiheit!

Ich muss nicht ins Büro fahren, meine Anwesenheit nicht von einer Stempeluhr erfassen, muss nicht über mein Gehalt verhandeln, mich nicht mit Kollegen um Überstunden, Brückentage und Urlaub streiten. Ich bin mein eigener Chef. Was für eine Freiheit…

Ich muss weder mein Büro mit ungeliebten Kollegen teilen, darf meinen Kaffee trinken wenn mir danach ist und muss auch nicht heimlich in mein Vesperbrot beißen.

Ich bin mein eigener Chef. Was für eine süße Freiheit…

Ich darf meine Papierstapel abends liegen lassen, brauche keinen abschließbaren Schreibtisch, kann den Montag zum „Frei-Tag“ machen, oder auch mal erst um 12 Uhr anfangen. Wenn ich was verbockt habe muss ich nicht bei einem Chef vorreiten.

Ich bin mein eigener Chef. Was für eine leckere Freiheit…

Ja ich habe ein Herz- und ein Soulbusiness, ein „ich liebe meinen Job“-Business, ein Selbsterfüllungs-Projekt, einen Selbstbestimmungs-Beruf, ein „ich erfinde und entfalte mich jeden Tag neu“-Business.

DOCH genau an dieser Stelle wird mir immer mal wieder übel. Hab ich vielleicht zu viel Honig genascht? Nein, es geht um etwas ganz anderes:

Ich kann manchmal diesen ganzen Selbstoptimierungs- und Selbstverwirklichungs-Wahn einfach nicht mehr hören. Er schmeckt zwar nach Honigtopf-Puste-Kuchen in Zucker-Torten gemeißelt und scheint wunderschön dekoriert, aber der Teig innen drin ist manchmal ganz schön pampig und sauer. Schwerverdaulich. Unverträglich. Anstrengend.

Es ist nicht immer easy going

Ja, ich bin mein eigener Chef. Punkt. Und ja, ich liebe diese Art zu arbeiten, auch mit all der Verantwortung. Und nein, ich möchte ihn für nichts auf der Welt eintauschen.

Aber ein bisschen Butter bei die Fische schadet nix.

Manchmal klingt das alles immer irgendwie nach easy going. Manchmal denke ich tatsächlich darüber nach, WANN denn all die Selbstständigen tatsächlich arbeiten. Sie tummeln sich ständig in sozialen Netzwerken, als hätten sie sonst gar nichts zu tun.

Klar, keine Stempeluhr zu haben, bedeutet Verantwortung. Nicht nur fürs Geschäft, sondern auch für mich selbst und mein Zeitkontingent.

Klar, keine Gehaltsverhandlungen führen zu müssen, bedeutet, dass ich die Verantwortung UND Kontrolle zu 100% bei mir habe. Krankenschein ist da nicht. Es sei denn, Du hast eine gute (und extrem teure) Krankenversicherung, die jeden Ausfall erstattet.

Klar, keine Überstunden abfeiern oder Urlaubsplanung absprechen zu müssen bedeutet, sehr achtsam für eine Selbstfürsorge zu sorgen.

Trotzdem bin ich gerne mein eigener Chef und will nicht jammern. Aber der Weg ist nicht immer mit Zuckerperlen gesäumt und das sollte einfach auch mal gesagt werden dürfen.

Weil es einfach ehrlicher ist, als das, was gerne hinausgepostet wird. Auch das ist Freiheit.

Gefährliche Freiheit

Weil wir grade dabei sind: Weil viele – gerade die Neulinge in der Selbstständigkeit nur die Freiheit sehen: Diese Freiheit ist auch ein kleines bisschen gefährlich.

Weil sich diese Freiheit ganz schnell in einem sehr großen Netz verfangen kann: Im großen world-wide-internetten-Netz. Plötzlich ist nicht mehr das Netz alleine der Köder, der Zeiträuber oder die Schlingpflanze, die Dich nach unten zieht.

In diesem gefährlichen Netz tummeln sich auch ganz besonders schöne Haifische.

Haifische, die Dir weiß machen wollen, dass Du unbedingt selbstständig sein oder werden und Dich verwirklichen musst. Dass Du unbedingt einzigartiger als alle anderen werden musst. Dass Du noch nicht das richtige Business hast, wenn Du noch selbst arbeitest, statt Dir eine automatisierte Liste zu erstellen.

Und dann gibt es noch ein paar weitere Fische, die Dich mit starren Augen verfolgen. Weil Du Dich noch nicht genug positioniert hast. Weil Du noch nicht Deine Zielgruppe ansprichst. Weil Du noch nicht die perfekten Tools gekauft hast, weil Du noch nicht auf allen Kanälen wie FB, Twitter und Instagram sichtbar bist….

Wenn man ihren Erfolgs-Storys Glauben schenken darf, verdienen sie sich alle eine goldene Nase.

Nur Du nicht. Du riechst Bullshit statt Honigtöpfchen. Pech gehabt. Nix mit Freiheit. Bis auf die Scheinchen, die bis dahin in Deinem Geldbeutel waren und nun woandershin verreisen.

Weißt Du was? Ich bin jetzt seit 25 Jahren selbstständig. Ich habe viele Haifisch-Experten kennengelernt und unzählige Optimierungs-Fischer an der Angel zappeln lassen.

Ich möchte aber auch nicht versäumen zu erzählen, dass ich auch wahre Zucker-PERLEN gefunden habe, auf meinen eigenen Tauchgängen und Wiederauferstehungen 😉

Wundervolle Perlen, die mein Business ausgezeichnet unterstützen und ohne die ich vielleicht sogar vor ein paar Jahren tatsächlich abgetaucht wäre.

Das Zauberwort: Geduld

Selbstständigkeit ist kein Honigschlecken. Es braucht Geduld. Es braucht Knowhow und es braucht Ehrlichkeit. Mit sich selbst und anderen. Es verträgt ein bisschen Show, aber das Kaninchen im Hut sollte schon echt sein.

In diesem Sinne, bleib dran, vertrau Dir selbst, lass Dich nicht verbiegen. Bestimme selbst und ständig, an welchem Baum Du es Dir schmecken lässt. Und dann genieße sie. Die süße Freiheit, Dein eigener Chef zu sein.

 

1 Kommentar

  1. Anja Rödel

    Uff … WOW! Danke für diesen ehrlichen Artikel!
    Es braucht nicht nur die Wahrheit, es braucht auch Menschen, die sie aussprechen.

    Ich lasse ein paar kunterbunte Zuckerperlen da!
    Liebe Grüße, Anja

    Antworten

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Silke Steigerwald