Trotzdem will ich diesen Artikel schreiben. Es geht um Trauer, schwarze Kleidung, um blöde Sprüche und um Zeit.

Mein Artikel beginnt mit einigen Telefonaten im November 2021.

Das Telefonat 1 mit Person 1:
Ich: „Nein er kann sich nicht auf einen Kaffee mit Dir treffen!“
Sie: „Warum nicht? Wir haben uns doch schon ewig nicht mehr gesehen!“
Ich: „Stimmt. Über 5 Monate! Warum eigentlich?“
Sie: „Nun ja, Du weißt doch, es ist immer so viel los und außerdem kann er sich doch auch mal melden!“
Ich: „Kann er nicht“
Sie: „Wie bitte, warum das denn?“
Ich: „Er liegt im Sterben“.
Stille.
Sie: „Warum informierst Du mich denn nicht? Warum sagt mir denn keiner was? Das habe ich doch nicht gewusst! Wieso werde ich nicht…“
Stille.
Sie: „Ja aber…
Ich: „Ich sag ihm, dass Du angerufen hast.“

Das Telefonat 2 mit Person 2:
Ich: „Hallo, hier ist Silke. Ich möchte Dich inständig bitten, ihn nochmal zu besuchen. Es geht zu Ende!“
Er: „Ich weiß nicht, ob ich das schaffe. Ich habe Angst ihn so zu sehen! Ich will ihn lieber so in Erinnerung behalten…“
Ich: Ich weiß, dass es schwer ist. Ich habe auch Angst. Aber ich wollte Dir trotzdem sagen, dass nicht mehr viel Zeit bleibt. Ich glaube jedoch, dass er auf Dich/Euch wartet. Ich weiß, dass es Dir weh tut. Aber vielleicht tut es noch mehr weh, wenn Du nicht mehr da warst? Bitte mach es so wie es für Dich stimmt! Ich wollte Dir nur Bescheid geben.“
Er: „Ich komme!“ Ich lege erleichtert auf. Mitten im Drama spüre ich Erleichterung.

Das Telefonat 3 bis Person 99? Ich weiß es nicht mehr:

Es ist immer noch November 2021
Die Zeit steht still.

Ich: „Es tut mir leid, aber ich muss Dir/Ihnen leider sagen, dass Andreas gestorben ist. Ich tröste. Andere. Und dadurch vielleicht auch mich. Ich weiß, ich schockiere mit der Nachricht. Andere. Aber der Schock löst sich, weil wir über Andreas sprechen. Das tut mir gut. Den anderen auch.

Irgendwann im Januar 2022
Ich hülle mich voller Wehmut in meinen schwarzen Lieblings-Pullover. Ich schlüpfe in meine schwarze Jeans, obwohl sie mir längst zu groß geworden ist. Früher hätte ich mich wahrscheinlich darüber gefreut. Jetzt ist es unwichtig. Wie so vieles andere auch. Jetzt sind ganz andere Dinge wichtig geworden. Ich merke vieles um mich herum passt auch nicht mehr. Aber ich entdecke dabei, wer und was wirklich passt. Neue Seelen-Tattoos zeichnen sich ab.

Irgendwann im Februar 2022
Ich trage immer seltener schwarze Kleidung. Man trauert ja nicht mit der Kleidung, sondern im Herzen heißt es so schön. Ja vielleicht. Doch manchmal brauche ich unbedingt meine schwarzen Kleidungsstücke und spüre, dass sie mir gut tun.

Weil sie mir in irgendeiner Weise das Gefühl von Schutz geben.
Weil sie mir Abgrenzung erlauben und gleichzeitig wehren sie sich demonstrativ gegen das seltsame Gefühl von Vergessen werden. Niemand soll ihn vergessen. Wenn ich schwarz trage, erinnere ich die Menschen an ihn. Vielleicht auch an mich.

Meine schwarzen Kleidungsstücke schenken mir Bruchstücke von Verständnis.
Dann, wenn ich mal nicht so gut funktioniere, weil mir Sprüche wie z.B. das Leben geht weiter… oder Du musst nach vorne schauen… Du musst jetzt auch an Dich denken so richtig auf den Sack gehen.
Ich weiß, sie alle meinen es gut mit mir. Wirklich?

Irgendwann im März oder April 2022
Ich strenge mich an. Ich trage wieder Farbe. Die Sprüche ändern sich: Die Farbe steht dir gut! Die schwarzen Klamotten haben dich so blass gemacht. So ist gut. Sei zuversichtlich. Alles wird gut.
Ich weiß, sie meinen es immer noch gut mit mir.

Irgendwann im Mai 2022
Ich versuche, immer besser zu funktionieren.
Trotzdem gibt es Verzweiflungs-Tage an denen ich nicht auf einen Geburtstag KANN und verstricke mich in gute Ausreden. Das wird erstaunlicherweise wohlwollend akzeptiert. Nicht hinterfragt. Ich verstehe erst später: Eine trauernde Witwe ist ja nicht unbedingt ein Lieblings-Gast auf einer Fete. Nicht dass die dann…

Irgendwann im Juni 2022:
Ich funktioniere nicht lange so gut, wie ich das gedacht habe. Es macht mich zornig. Ich habe immer funktioniert. Man konnte sich immer auf mich verlassen! Verlassen? Das Wort löst Heulkrämpfe aus. Und ich merke: Terminverschiebungen oder Absagen werden nicht mehr so einfach respektiert. Schließlich siehst Du ja schon wieder gut aus. Ungeduldige oder gar zickige Antworten werden nicht mehr entschuldigt.

Die Themen Sterben oder Verlust, oder selbst der Name verschwindet in den Gesprächen. Du solltest arbeiten. Das lenkt ab. Das ist gut. Das hilft. Tatsächlich. Mir selbst. Und vor allem den anderen. Keine anstrengenden Gespräche mehr, sondern Silke ist wieder Top on Flow.
Nur abends, wenn ich allein bin, kriecht so ein Gefühl in mir auf, das mir zuflüstert: Sie vergessen zu schnell. Vor allem ihn.

Es sind meine Kinder, die ihre liebevollen Erzählungen und Erinnerungen an ihn mit mir teilen. Es sind 2 seiner Kolleginnen, die immer wieder über ihn sprechen. Es ist ein Freund, der fast täglich fragt, wie es mir geht. Es sind die neugierigen Fragen meiner kleinen Enkelin, wo der Opa Andreas denn jetzt ist und ob trotzdem wieder Tomaten am Zaun wachsen.

Irgendwann im Juli 2022:
Der Stillstand längst aufgehoben. Die Zeit rennt und bietet Platz neue Themen:
Du siehst wieder gut aus…. Du arbeitest wieder? Wie schön, das tut dir gut…. Ja die Zeit heilt alle Wunden…. Was ich Dir schon lange erzählen wollte… sei dankbar für das, was Du gehabt hast, bei mir dagegen ist das volle Drama… Wann könntest Du denn mal…

Und plötzlich wird klar: Die Schonzeit läuft aus.
Verständlicherweise. Ich habe nicht nur Verantwortung für mein Geschäft und die Akademie, sondern auch andere Verpflichtungen, die eingehalten werden müssen. Das alles gibt Halt. Weil ich daran merke, dass ich nicht vergessen bin.
Trotzdem treffen einige Sätze, die mit jetzt begegnen ins Schwarze – bzw. besser gesagt mitten in die bunten Farb-Kleckse auf meiner Bluse:
Du bist so empfindlich geworden…
Du warst früher ganz anders…
Du hörst mir gar nicht richtig zu…
Sag mal, warum erreicht man Dich nicht…
Jetzt wird es aber mal Zeit, dass Du…

Meine Töchter und Schwiegersöhne halten noch immer ihre schützenden Flügel über mich. Und ein paar ganz wenige Freund*innen, die immer präsent sind. Die niemals fragen, ob alles ok ist. Weil sie wissen, dass längst noch nicht alles ok ist. Aber sie sind da und kümmern sich um meinen Kummer. Wenn es sein muss auch rund um die Uhr. Danke Elke. Und dann ist da noch mein „kleiner“ Bruder, der längst ein beschützender großer Bruder geworden ist.

Irgendwann im September 2022
Es gibt noch genügend Momente, in denen ich mich am liebsten in meine schwarzen Kleider hülle. Um anderen und ja auch mir selbst zu signalisieren: Achtung ich trauere noch immer… Achtung, ich bin vielleicht tatsächlich nicht mehr „die alte Silke ( immerhin ist ein Jahr vergangen!) Achtung, ich bin noch sehr empfindlich… Achtung, ich brauche und nehme mir viel mehr Zeit für mich.

JA, das Leben, mein Leben geht weiter.
JA, ich empfinde noch immer viel Freude und Zuversicht und Stärke, vielleicht sogar noch mehr.
JA, ich kann immer noch lachen und weinen, manchmal sogar gleichzeitig.
JA, ich habe viele Pläne begraben, doch dafür Platz für neue geschaffen.
Das alles ist gut so.

Irgendwann im Oktober 2022:
Ich stelle fest, etwas muss ich allerdings verneinen. Die Zeit heilt keine Wunden. Vielleicht, weil wir ihr viel zu wenig Zeit dafür geben. Vielleicht, weil wir zu schnell weitermachen und alles wieder möglichst schnell gut sein soll. Vielleicht weil wir uns keine Schutz- oder Signalkleidung erlauben, die uns UND auch andere daran erinnert, dass nicht nur die Trauer, sondern auch die „Schonzeit“ ihre Zeit braucht. Und vieles andere auch. Das Leben geht weiter… aber bitte möglichst flott!

9. November 2022
Heute kuschle ich mich in meinen schwarzen Pullover und umarme die Zeit. Sie hat mir ein wirklich wertvolles Geschenk gemacht: Seit genau einem Jahr besitze ich nämlich eine zweite Zeitrechnung.

Ich besitze die Zeit davor und die Zeit danach. Ich will mit beiden verbunden bleiben und sie dankbar beschützen. Danke. Für alles davor und für alles, was noch kommen will.

Das Leben geht weiter.
Gott sei Dank und
hoffentlich noch eine ganze Zeit lang.

4 Kommentare

  1. Karin Katzer

    Ein ganz wundervoller Tatsachenbericht über Trauer. Ich kann einiges erkennen, was auch für mich zutrifft. Habe mich fast komplett zurückgezogen und komme nur ganz langsam wieder ins Leben zurück. Pünktlich zum 2. Todestag meiner Mutti hat mich Corona für 2 Wochen lahm gelegt. Seit dem hänge ich wieder voll durch. Liegt wohl auch ein wenig am Herbst.
    Ich wünsche dir und allen Trauernden der Welt ein wenig mehr Leichtigkeit im neuen Leben.
    Von Herzen liebe Grüße
    Karin

    Antworten
    • Silke Steigerwald

      Liebe Karin,

      lieben Dank für Deine liebevolle Rückmeldung. Wir haben uns ja zwischenzeitlich schon persönlich gesprochen und sehen uns in den nächsten Tagen wieder. Darauf freue ich mich.

      Und bis dahin schließe ich mich Deinen lieben Wünschen an.

      Herzlichen Dank
      Liebe Grüße Silke

      Antworten
  2. Sandra Liane Braun

    Liebe Silke,
    Danke für deine offenen Zeilen. Bestimmt erkennen sich viele Menschen, die um einen geliebten Menschen trauern, darin wieder und fühlen sich durch dich verstanden.

    Trauer hat keinen Rahmen. Schon gar kein Zeitrahmen. Sie ist. Achterbahn. Immer und immer wieder.

    Ich höre dich.

    Herzliche Grüße
    Sandra

    Antworten
    • Silke Steigerwald

      Ich höre Dich. Was für ein stärkender Satz, liebe Sandra.

      Es tut gut, Menschen wie Dich in „Rufweite“ zu wissen. Fühl Dich umarmt.

      ♥♥♥-Grüße zu Dir

      Silke

      Antworten

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Silke Steigerwald